Senf dazu: Radio hören

„Lass doch Dienstag Abend mal ins Kino gehen.“ „Dienstag Abend? Nee, da kann ich nicht. Da hör ich Radio.“ „Wie, da hörst du Radio? Hä?“

Die Reaktion auf diese Aussage ist zu 99 % immer die Gleiche: Völliges Unverständnis. Vergessen sind die Zeiten, als ganze Dörfer sich vor einem einzigen Radio versammelten und mit offenen Ohren und Augen einfach nur zuhörten. Und das ohne Frage das Highlight der Woche war. Heute kriegt man mit der Aussicht auf ein bisschen Radiohören wohl niemanden mehr aus dem Haus gelockt bzw. im Haus gehalten. Aber wem könnte man es auch verdenken, wenn man sich die Playlisten der Standard-Sender wie RPR1, SWR3 oder BigFM mal so anschaut. SWR3 hat wenigstens zwischendurch mit Bands wie Biffy Clyro oder Mumford and Sons mal seine lichten Momente. Trotzdem überwiegen auch hier haarsträubende Lyrics wie: „You just put your lips togehter and you come real close. Can you blow my whistle baby, here we go.“. Unter dem Gesichtspunkt kann man wohl Niemandem böse sein, der auf oben genannte Aussage erstmal unverständlich die Stirn in Falten legt. Aber mit dem Radio ist es wie mit Allem: In Paris sieht man auch zuerst den Eiffelturm und in London sticht eben vor allem Anderen Big Ben ins Auge. Um einen wirklich englischen Pub in Camden oder ein gemütliches Café in Montparnasse zu finden, muss man ein bisschen mehr Suchzeit einplanen. Oder sowieso am Besten eine Empfehlung oder einen Insider-Tip haben. Auch wenn es etwas mehr Anstrengung bedarf sie zu finden, sie existieren. Ohne Frage. Genau wie die guten Radiosender bzw. Radiosendungen. Schaltet man zum Beispiel Dienstag Abends ab 20 Uhr DasDing ein, mag manch einer staunen, was da aus den Radioboxen schallt. Hier ist Platz für das fast 7-minütige „Seek and Destroy“ von Metallica, und zwar ohne das am Anfang, am Ende oder mitten im Lied eine Strophe, die Bridge oder eine Wiederholung des Chorus, die in den Augen des Radiosenders unnötig ist, rausgeschnitten wird. Hier wurden Biffy Clyro auch schon vor fünf Jahren mit „Who’s got a match“ gespielt, und nicht erst mit „Black Chandelier“ oder „Biblical“. Hier ist Platz um Menschen eines der besten Erlebnisse ihres Lebens zu schenken, zum Beispiel Karten für einen Foo Fighters Gig mit gerade mal 600 Menschen. Hier gibt’s Neues zu entdecken, denn (noch) unbekannte lautstarke Bands haben hier genauso ein Zuhause wie alte Klassiker. Da werden also nicht nur zukünftige Lieblingsplatten geboren, sondern auch alte Schätze wiederentdeckt: Songs, die schon länger nicht mehr auf dem Teller waren und trotzdem schon nach den ersten Sekunden Erinnerungen wecken. Und man fragt sich, wie man die letzten Monate ohne dieses großartige Stück Musik überleben konnte und dankt im Stillen der Moderatorin für diesen Reminder.

Heutzutage haben einfach zu viele Menschen zu viel Angst zu Viel zu verpassen. Das beste Heilmittel ist da vielleicht einfach mal alles zu verpassen und ganz bewusst nur eine Sache zu tun. Handy aus, Facebook aus, Klingel aus, Ohren auf und Radio an.

Wo man mich also Dienstags Abends finden wird? Nicht im Kino, nicht vorm Fernseher, nicht vorm Computer und nicht in der Kneipe. Sondern in meinem Sessel. Mal mit Bier, mal mit Whiskey, mal mit Tee. Aber immer mit Radio.

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Ein Gedanke zu „Senf dazu: Radio hören

  1. Super Artikel! Ich höre mir auch ganz gezielt Radiosendungen an. Gerade auch Lautstark auf Das Ding. Übrigens, diese Sendung kann man in den kommenden Tagen auch nachhören.
    Ansonten höre ich Sendungen von freien Radios. (Vor allem des Freien Radios für Stuttgart). Bayern2, DLF, Funkhaus Europa, FM,……………………….

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