Casper – Hinterland

Die Erwartungen sind hoch nach dem märchengleichen Erfolg von XOXO. Der vorgeschaltete Album-Trailer hat wirklich nicht zu viel verraten, aber ohne Frage Spannung geweckt. Einen entscheidenden Punkt kann man allerdings schon erahnen. Statt dicken Beats stehen hier Klavier, Gitarre, Trompeten und Melodien auf dem Programm. Und das ist auf Caspers zweitem Album „Hinterland“ eindeutig eher die Regel als die Ausnahme. Auch wenn man sich so die Kollaborationen anschaut, Tom Smith alias Kopf der Editors und Kraftklub, weckt das alle möglichen Assoziationen, aber an HipHop denkt man bei diesen Künstlern eher weniger. In „Alles endet (aber nie die Musik)“ wird Turbostaat zitiert und das Slime Zitat, was man spätestens seit Kettcar kennt, begegnet einem schon in der vorab veröffentlichten Single „Im Ascheregen“. Auch an Reminiszenzen an die Britpop Urväter mangelt es nicht. Wer hat nicht selber schonmal angetrunken, schlafversunken mit den besten Menschen der Welt „Don’t look back in anger“ gesungen. Produziert wurde die Platte von Markus Ganter und Konstantin Gropper, den Meisten wohl eher als „Get well soon“ ein Begriff. Egal wo man hinschaut oder hinhört, ein Abstreiten der Verwandtschaft zu Indie, Rock, Pop und Co ist sinnlos. Aber das Schöne ist, dass Casper das auch gar nicht will. Dafür ist einfach zuviel Füllmaterial in Caspers Mixtape Herz. Bei Tracks wie „Nach der Demo ging’s bergab“ versucht er sich sogar am Singen. Das steht seiner unverkennbaren, kratzigen Stimme alles andere als schlecht. Auch wenn man da bei „The Voice of Germany“ und Co sicher anderer Meinung wäre, denn jeder Ton stimmt hier nicht. Aber genau das macht den Charme aus. Abgesehen von der Instrumentierung befindet sich mit „Jambalaya“ auch eine lupenreine Rap-Nummer auf dem Album. Die gleichnamige Single Hinterland erinnert mit Schellenkranz, Geklatsche und rhythmischen Trommelschlägen am Ehesten an eine Singer/Songwriter Nummer. Bei La Rue Morgue kann man dank Lalalala Chören und dem dominierenden Klavier den rumtrinkenden Seemännern fast vor dem geistigen Augen beim schunkeln auf ihren Schiffen zuschauen. Zu „Ganz schön okay“ kann man wunderbar in jedem Club wild tanzen und Haare werfen. „20 qm“ ist einer dieser Trennungssongs, den man an verregneten Sonntagen guten Gewissens in Dauerschleife hören kann und jede Zeile am Liebsten an die Zimmerwand schreiben würde. Zumindest wenn einem die Lyrics bekannt vorkommen.

Wer gut aufgepasst hat merkt, hier ist für Jeden was dabei. Für den HipHopper, den Indie-Rocker, die Feierlaune, die Tanzschuhe, das Vermissen und den Liebeskummer. Trotzdem zerfällt hier nichts in Teile: Song 1 mag nur der HipHopper, dafür ist Song 2 nur für die Rocker. Nein. Casper schafft es, die verschiedene Elemente so gut zu verbinden und zu vermischen, dass hier Allen Alles gefällt. Sollte Caspers größte Sorge also tatsächlich Mittelmaß sein, kann man ihn zumindest bezüglich dieser Platte beruhigen. Das ist kein Mittelmaß. Casper hat auf „Hinterland“ alles richtig gemacht und liefert so einen mehr als würdigen Nachfolger zu XOXO ab.

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