Reisen: Indonesien Part I

Ziemlich genau heute vor einem Monat stand ich mit ausklingender Magen-Darm-Action und vollgepacktem Backpack am Frankfurter Flughafen und hatte die erste Panikattacke dank meinem stetigen Begleiter Flugangst.
Mittlerweile ist die erste Tube Zahnpasta leer, ich habe einen Vulkan bestiegen, großartige Menschen kennen gelernt, eine Riesenschildkröte gesehen, meine erste Grünwasserwelle gestanden und geturnt, Affen im Garten wohnen gehabt, eine indonesische AC/DC Coverband gesehen, die sogar Thunderstruck gemeistert hat, eine Menge Bintang und den wohl schlechtesten Whiskey aller Zeiten getrunken, Delfine gesehen und das Rollerfahren im Schlamm gemeistert.

Aber von vorne. Nach der anfänglichen Panikattacke ist der Flug ganz okay. Beim Stopover in Qatar versuchen Sven und ich vergebens irgendwo ein halbwegs günstiges Bier zu finden, um auf den Urlaub anzustoßen. Nach einer halben Stunde geben wir uns schließlich geschlagen und sind bereit knapp 10 Euro für ein Großes zu bezahlen. Auf der Suche nach einem gemütlichen Plätzchen um die verbleibenden sechs Stunden zu verbringen, wollen wir zunächst den Schildern nicht trauen, aber ein Sicherheitsmann bestätigt: Schlafräume sind strikt nach Geschlechtern getrennt. Wir schwenken auf einen Familienraum um, der leider nur noch Bodenplätze frei hat.

Am 30. kommen wir dann endlich in Bali an und erlangen erstmal den absoluten Hitzeschock. Auch Abends um 23 Uhr herrschen noch über 30 Grad und eine Luftfeuchtigkeit, die nach einer gesteigerten Form des Wortes schwitzen verlangt.
Den nächsten Tag leben wir den Traum jedes Pauschaltouristen und liegen nur am Pool rum. Als wir uns schließlich vor die Tür wagen – ist ja Silvester – sind wir erstmal enttäuscht. Es ist voll, der Strand nicht wirklich schön und die Balinesen unfassbar aufdringlich. Wir sind uns einig. Schnell weg.

Auch der nächste Stop – Padang Bai – ist nicht wirklich besser. Zwar ist es hier schon deutlich leerer, allerdings sind die Strände nicht türkisblau, sondern voll mit Müll. Wir buchen ein Boot um direkt am nächsten Tag auf Balis Nachbarinsel Lombok überzusetzen.

Das Boot lädt uns mitten im Nirgendwo ab. Normalerweise kann man sich vor Taxen gar nicht retten. Motiviert stapfen wir Richtung Hauptstraße, aber nichts passiert. Mittlerweile beehrt uns auch die erste Regenschauer. Wir suchen nach Leuten die ähnlich verloren aussehen und finden schließlich einen Transporter, der uns immerhin in die nächst größere Stadt bringt. Der Rest bleibt dort, nur ein anderes Mädchen und wir wollen uns auf direktem Weg in den Süden begeben. Nach einer Weile finden wir einen Fahrer, der uns mit seinem Taxi die dreistündige Strecke fährt. Für circa 20 Euro insgesamt.
„Wanna stay near Beach?“
„Yes, please.“
Kurzerhand biegt der Indonese in eine Hofeinfahrt ein: „This. Near Beach. Cheap. You stay here.“ Verdutzt von dieser bestimmerischen Art steigen wir aus und merken aber schnell, dass der Taxifahrer Recht hat. 200.000 Rupien für ein Doppelzimmer mit Klimaanlage. Das sind circa 14 Euro pro Nacht. Inklusive Frühstück.

Die nächsten Tage verbringen Pip, Sven und ich hauptsächlich Roller fahrend und – endlich – surfend. Gute 40 Minuten von unserm Übergangs zu Hause ist ein wunderschöner Strand mit guten Anfängerwellen. Auf dem Weg dorthin sehen wir die ersten indonesischen Äffchen, die wie selbstverständlich über die Straße marschieren. Am Strand kommen wir mit einem der Büdchenbesitzer ins Gespräch.
„Ich lebe einfach am schönsten Ort.“
„Wo wohnst du den ?“
„Ja hier!“ und zeigt mit dem Finger auf das Bambusbüdchen hinter sich, das gleichzeitig Kiosk, ein kleines Restaurant und Bordverleih ist.
„In deinem Restaurant??“
„Ja, sozusagen. Da ist eine kleine Tür und dahinter wohnen wir. Manchmal kommt dass Wasser bis rein. Dann werf ich immer alles wichtige aufs Bett und sehe, wie das Wasser drunter durch und wieder raus läuft. Immerhin ist danach das Meer sauberer. Da ist der ganze Müll nämlich bei uns im Zimmer!“ Der kleine Indonesier lacht. Ich kann nicht anders als das bewundernswert zu finden. Ein Leben völlig frei von Materialismus und soweit in Einheit mit der Natur, wie das eben möglich ist bei einem nicht vorhandenen Abfallsystem.

„Ach ich finde das immer so traurig, wenn ich dann sehe dass die den Müll einfach verbrennen.“ Hanna ist unsre neuste Bekanntschaft und genau der Typ von Mensch, der einfach nur nervt. Grade 18 und Abi. Alles schon gesehen und zu allem eine Meinung.
„Was sollen sie denn sonst mit dem Müll machen?“
„Wenigstens in den Mülleimer werfen.“
„Achso. Und die Mülleimer lehrt dann wer genau?“
Das reicht erstmal für fünf Minuten Stille. Wir bestaunen den Sonnenuntergang und ich packe meine Kamera aus.
„Ach bei so schönen Momenten werd ich immer voll wütend..“
Ich seufze. Eine weitere nervige Eigenschaft: einfach Sätze in den Raum werfen, die eine Nachfrage erfordern.
Pip erbarmt sich „Warum?“
„Weil ich meine gute Kamera zu Hause gelassen habe, damit die keiner klaut.“
„Und wofür hast du die Kamera dann gekauft? Um zu Hause Fotos von deinem Zimmer zu machen?“
Sven guckt mich mit dem typischen Blick an der sagen soll: „Kathi, du musst doch nicht ganz so offensichtlich zeigen, wenn du jemanden nicht leiden kannst.“

Der Nach-Hause-Weg im Dunkeln ist gar nicht so ungefährlich. Neben jede Menge Fliegen im Gesicht und Hunden die plötzlich auf die Straße laufen macht Pip Bekanntschaft mit der lokalen Polizei. Vorher wurden wir bereits gewarnt, dass es passieren könnte, dass man im Dunkeln überfallen und ausgeraubt wird oder die Polizei Geld verlangt. Wir haben gerade nochmal Glück, weil Pip uns anhupt, woraufhin die Polizei sie weiterfahren lässt.

Zum Abendessen gehen wir eine „Warung“. Das ist das indonesische Wort für ein Restaurant, das lokale Gerichte serviert. Obwohl Sonyas etwas zwielichtig aussieht und eine der schlimmsten Toiletten hat, die ich in Indonesien bisher gesehen habe ist der Laden brechend voll. An der Wand hängt ein Zettel, der Sonyas Geschichte erzählt. Wie viele Familien hatte auch ihre nicht das Geld, sie zur Schule zu schicken. Deswegen fängt das Mädchen mit sechs Jahren an am Strand Armbänder zu verkaufen. Ein paar Jahre später macht sie Bekanntschaft mit einer Dame, die sich bereit erklärt, Sonyas großen Traum zu finanzieren. Mit dem gesponsorten Geld eröffnet sie ihr eigenes Restaurant und kann endlich ihrer großen Leidenschaft dem Kochen nachgehen. Für knapp zwei Euro bekomme ich das beste Schicken Satay kredenzt, das ich je gegessen hab.

Am nächsten Tag traue ich mich an meinen ersten alleinigen Scooterride. Zusammen mit Pip fahre ich an einen benachbarten Strand. Die Ruhe des fast menschenleeren Strandes steht im absoluten Kontrast zu den beiden Bracelette Jungs, die uns regelrecht verfolgen um ihre Armbänder an den Mann zu bringen: „You buy Bracelette I buy Book for School“ ist die neuste Masche. Noch verstörender sind allerdings die Kinder, die in ihren jungen Jahren magic mushrooms verkaufen. Oft nicht älter als sieben oder acht wedeln sie einem einen kleinen Plastikbeutel voller Pilze entgegen. Sowieso scheint diese Art der Droge hier völlig alltäglich zu sein. Abends gehen wir in einen Cocktailbar, die ein umfunktionierter VW Bus ist. Bei Chili Mojito überrascht uns die erste tropische Regenschauer. Für gut eine Stunde schüttet es wie aus Eimern und der Boden unter uns wird zu einem kleinen Fluss. Die Regenzeit hat dieses Jahr lang auf sich warten lassen. Die lokalen Barkeeper tanzen Oberkörper frei im Regen und fangen an auf den Stehtischen zu Trommeln. Kurze Zeit später beugen sich plötzlich alle über den Boden und fangen an zu rufen und brüllen. Grund: Sie haben Papierboote gebastelt und soeben ein Rennen gestartet. Der einzige unbeteiligte Kellner schaut uns an uns sagt ganz selbstverständlich: „Sorry. Die sind bisschen laut. Die sind alle auf Pilzen“ und grinst.

Mehr von Schildkröten, Vulkanen, Pferden auf Motorrädern, indonesischen AC/DC-Coverbands und Wellen gibts bald!

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Songs die Helden sind. Wiederhören. Bruce Springsteen: Born to Run

Nächstes Jahr feiert es seinen 40. Geburtstag. Kaum zu glauben aber wahr. 40 Jahre ist es her, dass der Boss fleißig am Klavier komponierte und dabei so ein grandioser Song wie „Born to Run“ rauskam.

Fast doppelt so alt wie ich. Und trotzdem schon lange Begleiter. Aber auch der größte Klassiker gerät unter der Musikflut, der man heutzutage ausgesetzt ist und sich ja auch gerne aussetzt, mal in Vergessenheit. Umso schöner und größer der Moment. Der 16GB Datenträger ist auf shuffle. Man sitzt im Zug und liest Unikram und hört so ineinander verschwimmende Hintergrundmusik vor sich hin. Und da kommt plötzlich dieses Schlagzeug daher und reißt einen völlig aus dem Konzept und rettet einem die Laune. Mit voller Wucht.

Ich frage mich wie ich um Gottes Willen die letzten Tage, Wochen, Monate überleben konnte ohne den Song bewusst auf Repeat zu hören und laut mitzusingen. Plötzlich fügt sich alles zusammen. Ich skippe zurück. Das Schlagzeug holt mich ab. Verrückt, dass man Lyrics die man 100 Mal mitgesungen hat manchmal trotzdem einfach vergisst. Aber nach der dritten Zeile bin ich drin.

Baby this town rips the bones from your back

It’s a death trap, it’s a suicide rap

We gotta get out while we’re young

`Cause tramps like us, baby we were born to run

Es scheint die einzige logische Konsequenz. Seit Monaten treibt die Uni mich in den Wahnsinn. Ich stehe auf, gehe zum Campus, höre mir Vorlesungen an und schreibe mit, lese, unterstreiche, fasse zusammen, lerne. In Dauerschleife. Dabei bin ich doch eigentlich „Born to Run“ und nicht geboren um in Bibliotheken zu sitzen.

Genau 4:31 lang reist mich dieser eine Song aus meinem Alltag und ich kann gefühlt die Welt retten. Ich glaube dem Boss jedes Wort. Dass wir eines Tages zu diesem Platz kommen, wo wir wirklich sein wollen und in der Sonne spazieren. Und ich merke, dass ich da noch nicht bin. Da geht noch mehr. Da geht noch sowas von mehr. Man muss sich nur trauen. Auch wenn ich nach diesen 4:31 Minuten meinen Stift wieder in die Hand nehme, brav weiter anmarkere und die Musik wieder zu einer grauen Hintergrundbrühe verschwimmt…Someday girl…I don’t know when.

Also: Kramt in euren Köpfen nach alten Lieblingssongs, singt und tanzt was das Zeug hält und vergesst kurz wer und wo ihr seid und was ihr eigentlich gerade alles machen müsstest. Nur mal für 5 Minuten.

Gute Musik

Falls ihr auf der Suche seid nach schöner Musik: Schaut doch bitte mal hier vorbei. Ich bin mittlerweile als freier Autor für das JMC Magazin tätig und hier

http://jmc-magazin.de/author/anne-katharina-raskob/

könnt ihr nachlesen, worüber ich so schreibe und wie mir das so gefällt. Damit kann auch meine Uni bedingte Schreibpause überbrückt werden, bis es hier endlich nochmal Neues gibt!

Viel Spaß! 

Der Tag, an dem Rob Lynch in meinem Wohnzimmer spielte

Gewinnspiel. Mal wieder. Ich mache mit. Mal wieder. Worums geht? Ein Wohnzimmerkonzert. Wollte ich sowieso immer schonmal machen.

Den bezaubernden Rob Lynch habe ich als Vorgruppe von Thees Uhlmann entdeckt und mich sofort verliebt. In die Musik und in den Akzent sowieso. Um eben diesen Briten geht es. Der Deal: Essen und Übernachtung für die Crew gegen ein Konzert im Wohnzimmer am Freitag 02.05.2014.

Ich schreibe also eine lange, ausführliche Email warum unsere WG die beste Location für dieses Event ist. Das fällt nicht schwer, da ich in der schönsten WG der Welt, okay zumindest in Koblenz, wohne und die großartigsten Mitbewohner habe. Also schnell die Erlaubnis ebendieser abgeholt und losgelegt. Mal wieder passiert ein paar Tage lang gar nichts. Mittlerweile bin ich froh nichts gehört zu haben. Normalerweise habe ich Samstags frei. Ausnahmen bestätigen leider die Regel. Genau am Folgetag des Konzerts gibt es eine Weekend-Session. Ich muss unterrichten. Ab morgens um 8. Solide 8 Stunden lang. Als wärs Schicksal. Ich denke mir also: Schade, aber wenigstens bin ich dann fit.

Weit gefehlt. Freitag. Ich bekomme eine Email. Unbekannter Absender. Re: Robs Geburtstagsparty. Die Aufregung steigt. Hey Kathi, hört sich super an. Rob hat voll Bock. Machen wir das fest? Überforderung. Scheiß auf FH? Scheiß auf FH. Wir sind dabei. Einen schlechten Tag als Englischlehrbeauftragte werde ich wohl schnell vergessen. Ganz im Gegensatz zu einem Wohnzimmerkonzert.

Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass mir die ganze Sache nicht doch ein bisschen im Magen liegt. Ist immerhin eine Geburtstagsparty. Da kann man den Gästen ja schlecht sagen, dass um 11 Uhr Bettruhe ist. Um halb 6 aufstehen macht ja so oder so schon keinen Spaß, aber je weniger Schlaf, desto schlimmer das Ganze. Und dann 8 Stunden lang Erstsemester bei Laune halten. Ich male mir schon die wildesten Ausreden aus, wie ich mein neben der Spur sein am frühen Samstag Morgen erklären könnte. Magen-Darm? Ja, da fragt sowieso keiner nochmal gerne nach. Wird schon.

Auch das. Weit gefehlt. Es ist wohl die Woche der glücklich machenden Emails. Hey Katharina. Reading week got postponed, which means one more week of courses. This means no need for the Saturday session. So enjoy your Saturday and see you next week. Nochmal: Schicksal? Gibts dich? Daraufhin tanz ich erstmal eine Runde durch den Flur. Jetzt steht dem ganzen Wohnzimmerkonzertsspaß ja mal sowas von nichts mehr im Weg.

Im WG-Rat wird grob die Kapazität des Wohnzimmers abgeschätzt und schon werden auch die ersten Leute eingeladen. Die ersten sagen zu, die ersten sagen ab.

Meine beste Freundin reist zur seelischen und aufräumtechnischen Unterstützung schon einen Tag früher an. Pünktlich um 9 Uhr morgens sitzt sie kerzengrade im Bett. Schließlich gibt es viel zu tun.

Arbeitsteilung ist meistens die halbe Miete. Während zu zweit eingekauft wird, räume ich schonmal das Gröbste auf. Am frühen Morgen ist ja bekanntlich alles immer ein bisschen anstrengender. Deswegen muss nun erstmal ein ordentliches Frühstück her, bei dem der restliche Plan besprochen wird. Während mein Mitbewohner noch fieberhaft für seine letzte Klausur lernt, kommandiert meine beste Freundin sich freiwillig alleine ins Putz- und Aufräumteam ab. Meine Mitbewohnerin und ich haben keine Wahl und müssen wohl oder übel die Messer wetzen und die Kochlöffel schwingen.

Klassisch: Chili con Carne. Einmal mit, einmal ohne Fleisch. Hört sich einfach an, beide Varianten dauern dann aber doch gut und gerne drei Stunden.

Mittlerweile ist schon Nachmittag. Unsre Putzfee hat ganze Arbeit geleistet. Wohnzimmer und Schlafzimmer für die Band ist bereit. Einmal kurz durchs Bad und schnell die letzten Kochspuren beseitigt und schon ist alles fertig. Außer…wir.

Die Dusche läuft auf Hochtouren. Der Fön auch. Haare werden gekämmt, Fingernägel lackiert, Wimpern getuscht, Lippen geschminkt und was Mädchen sonst eben noch so machen.

Zu Jedermanns Freude ist der Zeitplan so gut, dass jetzt sogar noch eine gemütliche Kaffeestunde mit Teilchen eingeschoben werden kann.Die Aufregung steigt minütlich. Was wenn die total doof sind? Was wenn die voll arrogant sind? Was wenns denen hier nicht gefällt? Was wenn die voll keinen Bock haben? Was wenn du Gäste irgendwie alle nicht harmonieren? Was wenn das Essen nicht schmeckt? Was wenn man, dank verrücktem, britischen Akzent, kein Wort versteht? Nur eine kleine Auswahl der Fragen, die uns so durch den Kopf geistern.

18 Uhr ist die Ankunftszeit laut Plan. Ich halte mein Handy bereit. Das klingelt auch pünktlich um 5 vor. Ich habe schon am Telefon die ersten Verständisprobleme….dieser britische Akzent. Sie standen im Stau, sie kommen ein bisschen später. Um viertel vor 7 ist immer noch Niemand eingetroffen. Ich habe mir mittlerweile einen Kamillentee zur Beruhigung gegönnt. Meine Mitbewohnerin sich schon das vierte Bier.

SMS. Should be there in about 15 minutes. Nach 20 Minuten klingelt dann nochmal mein Handy: „I think we’re there.“. Ich laufe die Flurtreppe runter raus auf die Straße. Gucke nach links, nach recht und sehe…nichts. Die Stimme am Telefon hingegen bestätigt mir, dass sie mich sehen können. Ein silberner Van bewegt sich auf mich zu undda sind sie.

5 unbekannte Gesichter, Rob steigt als Letztes aus. Alle stellen sich vor mit einem: „Hi, I’m… Nice to meet you.“. Wie sich das eben gehört für höfliche Briten. Jeder packt sich irgendwas unter den Arm und ich sage einmal laut: „Follow me!“ und bringe die Horde in unsere Wohnung. Mein Mitbewohner wird abgeordnet mit dem Fahrer das Auto parken zu gehen.

Ich zeige währenddessen den Jungs unsre Wohnung und ihr Zimmer. Zumindest davon sind schonmal alle begeistert. Dann gibts Abendessen und Bier. Ich entschuldige mich schon vorher für das eventuelle Nicht-schmecken der vegetarischen Variante. Wer weiß ob aus Höflichkeit, aus Hunger oder weil es vielleicht tatsächlich geschmeckt hat: Die Teller werden nochmals voll gemacht.

Die Atmosphäre ist sehr verhalten und leicht „awkward“. Es herrscht noch strenge Gruppentrennung. Die Engländer in der Küche, der Rest auf Balkon oder im Wohnzimmer. Die Räume werden dann einmal kurz getauscht, die Besetzung aber nicht. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und geselle mich alleine zu den Briten auf den Balkon. Small-Talk. Bin ich eh nicht gut drin, aber dann auch noch auf einer anderen Sprache? Ich werde als erstes nach dem Wlan-Passwort gefragt. Alle packen also ihre Handys aus und sind erstmal ein paar Minuten still. Na super. Vor meinem inneren Auge läuft folgendes Szenario ab: Rob und die Jungs gehen bis 9 in ihr Zimmer, kommen dann kurz raus, spielen 45 Minuten und gehen dann schlafen. Man könnte es ihnen ja nichtmal verübeln. 9 Stunden Autofahrt von England nach Deutschland machen einen nunmal fertig. Und es ist ja auch nicht so als gäbe es abgesehen von Essen, Bier und Schlafplatz irgendeine Art Gage.

Part I trifft tatsächlich so ein. Die Jungs verschwinden erstmal alle in ihr Zimmer und lassen sich nicht mehr blicken. Die ersten Gäste treffen ein und gucken mich mit fragenden Augen an: Wo sind sie denn? Hmm, ja. Sich noch kurz ausruhen. Die kamen ja heute erst aus England. Achso.

Man steht so in der Küche rum, raucht mal eine auf dem Balkon, spielt ein bisschen Kicker und trink Bier. Die Briten haben sich mittlerweile wieder unters Volk gemischt und ehe ich mich einmal Umdrehen kann, entwickelt der ganze Abend eine wilde Eigendynamik. Während dem Kickerspielen fragt Dan, wo man denn hier noch Bier kaufen kann. Das lässt die Hoffnung schonmal steigen. Ich vergewissere ihnen, dass sie sich einfach bedienen sollen, da es mehr als genug gibt. Unterdessen klingelt es an der Tür. Vor der Türe stehen…fremde Menschen. Wir haben das gewonnen. Eh, wollte mir da nicht eigentlich nochmal wer Bescheid sagen, falls das passieren sollte? Egal, habt ihr Bier dabei? Ja, na gut. Dann rein mit euch. Das passiert noch zwei weitere Male.

Wie das so ist wenn man eine Party veranstaltet, bin ich gefühlt die ganze Zeit überall und nirgends. Johnny, Gitarrist in Robs Band, fragt mich ob er vielleicht auch ein paar Songs spielen darf. Na klar. Rob fragt: Wann solls denn eigentlich los gehen? Egal, wann ihr Bock habt. Gibts eine Deadline? Nee, ist ja nur Akustik. Dieser Satz soll der Running Gag des Abends werden.

Um halb 10 fängt Johnny also mit seinem kurzen Set von drei Songs an. 2 Cover. Einmal Weakerthans, was mein Herz direkt höher schlagen lässt. Passiert nicht allzu oft, dass Jemand diese wundervolle kanadische Band kennt. 2. Alkaline Trio. Klassiker. Als drittes wagt er sich an einen eigenen Song. Er feiert sein ganz persönliches Deutschland-Debüt und bedankt sich mehrfach, dass die Leute zugehört haben. O-Ton: Immerhin hätten auch einfach alle in der Küche rumhängen, Bier trinken, rauchen und eine gute Zeit haben können.

In der Pause wird eine kurze Whiskeyprobe in meinem Zimmer eingeschoben. Mittlerweile sind alle fröhlich und motiviert. Rob erzählt, dass er ewig keine Hausshow mehr gespielt hat und sowas von Bock hat. Es gibt keine Deadline? Ja, super. Dann kann ich ja ein bisschen spielen, dann gehen wir alle eine rauchen und trinken und dann spiel ich einfach weiter. Ach wie schön.

Und genauso wirds auch gemacht. Der anfängliche Zeitplan (21 Uhr ca. 45-60 Minuten Gig und dann noch ein bisschen feiern, aber auch nicht zuviel, weil die Jungs ja früh raus müssen) ist schon längstens gesprengt. Gegen 10 Uhr betritt Rob seine Bühne. Das Publikum ist zurückhaltend. Bis auf die 6 Gewinner kennen die wenigsten irgendwelche Lieder. Nach den ersten zwei Songs wird sich mal nach dem Befinden erkundigt: You guys doing alright? Verhaltenes Kopf nicken und hier und da ein leises: Yeah. Rob spielt weiter und weiß gekonnt der mangelnden Textsicherheit entgegen zu wirken. Er singt vor, wir singen nach. Die „Dadadada“ Chöre werden stetig lauter. Irgendwann ist nochmal Zeit für ein kurzes Päuschen. Die Gesellschaft verlagert sich in die Küche. Johnny fragt mich: Do you think we’re making to much noise? Ich schüttel unverständlich den Kopf: Ahhh, don’t worry. Ist doch nur Akustik.

Kurze Zeit später folgen Rob alle bereitwillig wieder ins Wohnzimmer. Es folgt ein Bloodhound-Gang Cover und bei „My Friends and I“ ist zumindest der Text im Refrain ja schnell gelernt und alle singen mit. Als Rob zum zweiten Mal fragt wie es uns so geht ist schon halb 12 durch und die Antwort ist ein lautes, einstimmiges: YEAH! Rob erzählt ein bisschen: Dass sie heute in Deutschland angekommen sind, heute Abend hier für uns spielen, morgen eine Full-Band-Show auf einem Festival in Stuttgart haben. Jemand ruft rein: So don’t drink too much. Das greift Rob direkt auf und fragt: „However. The question is. Shall we drink lots tonight and be hungover tomorrow?“ Die Antwort darauf is wohl klar. Die haben sogar die Wohnungen über und neben uns gehört. Mindestens. So hatte ich mir das doch alles vorgestellt.

In einem ruhigeren Konzertblock gibt Rob sogar einen Song zum Besten, der frisch aufgenommen ist, noch nie live gespielt wurde, ihm sehr am Herzen liegt und den laut eigener Aussage erst ca. 5 Menschen gehört haben. Aber weil das hier alles so familiär ist und er sich so wohl fühlt, spielt er den jetzt einfach mal. Das Schöne dabei ist, dass hier jetzt einfach mal nicht gegrölt wird. Alle sind still und andächtig und hören zu.

Wie sich das für ein gutes Konzert gehört, wird es am Ende nochmal schneller und lauter. Meine Mitbewohnerin hat tanztechnisch alles gegeben und wird von der Menge mit Sprechchören und einem kurzen Abstecher in den Refrain von „7 Nation Army“ aufgefordert jetzt endlich nochmal ihren Move zu machen. Das können die wenigsten Fußballstadien besser. Selbst Rob sagt: Do your fucking move. Als sie sich immer noch weigert, tanzt Rob eben mit und gibt die Anweisung, dass doch jetzt bitte einfach alle ihren persönlichen Move machen sollen. Und los.

Zum krönenden Abschluss nimmt Rob sich die Aufforderung eines Konzertgasts zu Herzen: Just play the same song again. Es folgt, wie könnte es anders sein, My Friends and I. Davon können dann mittlerweile wirklich alle den Text. Egal wohin man schaut. Alle Münder singen mit, alle Augen leuchten, alle Arme sind in der Luft. Die Gitarre setzt aus und Rob dirigiert mit erhobenen Armen die Menge“: „My Friends and I we got a lot to live for. My Friends and I we live the good life. At least just for tonight.“ Wenn man den Abend in zwei Sätzen beschreiben müsste, das wären sie.

Es wird noch ein paar Stunden weiter gelacht, getanzt, getrunken, geraucht, geredet und sich allem voran darüber gewundert, dass sich kein Mensch beschwert hat. Angemeldet hatten wir das alles nämlich nicht. Ist ja nur Akustik.

 

 

Der Tag, an dem ich mit Josh Homme Tequila trank

Montag. Für Viele der schlimmste Tag der Woche. Einfach weil es der erste Arbeitstag ist und bis zum Wochenende noch so Viele davon kommen. Für mich normalerweise auch. Aber dieser Montag, der 4.11.2013, ist anders. Ich stehe sogar fast mit Freude und vor allem freiwillig um 7 Uhr auf. Warum? Weil mein bester Freund aus Berlin vor der Türe steht. Warum der mitten im Jahr einfach so ohne Geburtstag, Weihnachten, Ostern oder sonst was vor der Türe steht? Ganz einfach: „Kathi. Ich hab eine Idee was wir heute machen können. Wir fahren einfach nach Stuttgart und treffen die Queens of the Stone Age.“ Es folgt diabolisches Grinsen. Denn genau das werden wir heute tun.

Vor zwei Wochen hatte ich spontan zwischen Tür und Angel entschieden, bei diesem Radio Gewinnspiel mitzumachen. Gewinn: Konzertkarten plus ein Meet&Greet mit den Queens of the Stone Age in Stuttgart. Aufgabe: Schreibe eine Geschichte mit fünf Songtiteln. Im spontanen Schreiben war ich schon immer ganz gut. Also schnell eine kleine Geschichte ausgedacht und hingeschickt. Zu Verlieren gibt’s ja nichts. Als nach einem Tag noch keine Reaktion erfolgt ist, hatte ich die ganze Sache dann auch schon längst wieder aus meinem Kopf verbannt. Eine Woche später klingelt mein Handy. Vorwahl: Baden-Baden. Wer soll das denn sein? Kenn ich Jemanden aus Baden-Baden? Ist irgendjemand umgezogen und ich habs verpeilt? Oder einfach nerviger Werbekrempel: „Ja, Hallo?“ „Hallo. Sprech ich da mit Katharina?“ „Ja“ „Hi, hier ist DasDing. Wir wollten dich nicht länger auf die Folter spannen und dir mitteilen, dass deine Geschichte uns am Besten gefallen hat, weswegen du das Meet&Greet und die Konzertkarten gewonnen hast. Herzlichen Glückwunsch.“ „Ehhhh….danke.“ Vielmehr bekomm ich nicht raus vor lauter Überraschung und Freude und gleichzeitiger Überforderung. Wen nehme ich mit? Wie komm ich nach Stuttgart? Was sage ich Josh Homme, einer der ganz großen Helden meines Lebens?

 

Erstmal ist die Zeit reif für einen weiteren Anruf. Ich muss keine drei Sekunden darüber nachdenken, wer jetzt als Erstes angerufen werden muss. Mein bester Freund: „Ruben, was machst du am 4.11?“ „Hab ich Konzertkarten für Cat Empire.“ „Ja, die musst du leider verkaufen.“ „Wieso?“ „Weil…du mit mir Queens of the Stone Age treffen kannst, zumindest wenn du es irgendwie hierhin schaffst und wir dann zusammen irgendwie nach Stuttgart.“ „WAAAAAAAAAAAAAS?“ Ich erzähle die Geschichte. Ruben ist mindestens genauso aufgeregt wie ich. Deswegen muss er erstmal auflegen und klar kommen. Einen Tag später klingelt mein Handy wieder und er ist dran: „Kathi. Egal wie. Ich komm irgendwie an dem Tag runter. Ich finde schon eine Lösung.“ Gesagt, getan. Am Ende ist alles ganz einfach. Ruben kommt mit dem Zug, Rubens Vater entscheidet spontan unseren Chauffeur nach Stuttgart zu spielen und kommt sogar selber noch mit zum Konzert. So stehen wir also tatsächlich mit äußert wenig Schlaf an diesem Montag um 18 Uhr vor der Schleyerhalle in Stuttgart und fragen uns was jetzt passiert. Die einzige Info ist: Um 18.15 kommt euch jemand an der Abendkasse abholen. Vage.

 

Selten sind in meinem Leben Minuten so langsam verstrichen. Ich schaue nicht nur jede Minute auf die Uhr, sondern so ca. alle 20 Sekunden. 18.16. Hmm…sollen wir mal fragen an der Abendkasse? Handy klingelt. Fremde Nummer: „Ja, Hallo?“ „Hi, sprech ich da mit Kathi? Wo seid ihr denn? Ich würde euch dann jetzt abholen.“ Es ist nichtmal offizieller Einlass. Wir werden am Gitter, Security und ganz vielen anderen wichtig aussehenden Menschen vorbei gewunken und reingelassen. Es geht durch die Tiefen der Halle, nochmal nach draußen, um dann an einem anderen Eingang wieder reinzugehen. Wir sitzen in einem Flur. Überall hängen rote Wegweiser im Queens of the Stone Age Logo. „Also, das kann jetzt noch ein bisschen dauern. Die müssen noch essen und duschen und so weiter.“ Wäre ja nicht so als hätten wir noch was anderes vor heute. Ich glaube unsere Gesichter ähneln am ehesten denen von kleinen Kindern, die darauf warten, dass Papa endlich die Wohnzimmertüre aufschließt und man den Weihnachtsbaum und den Geschenkeberg in vollem Glanz erblicken kann. Nur das es die Geschenke hier vorab gibt: Poster.

Die Zeit lässt sich konsequent Zeit im Vergehen. Plötzlich hört man Amis reden. Wer gut hinhört, dem kommt die Stimme, die da gerade „Yeah, a bit tired“ äußert, bekannt vor. Wer nicht so gute Ohren hat, braucht auch keine besonders guten Augen, sondern nur den Blick in die richtige Richtung. Den haben wir Beide. Und dann gucken wir uns an: Ehhh, hast dus auch gesehn? Ja, Alter. Das war Josh Homme. Blick im Vorbeigehen erhaschen also schonmal check.

Trotzdem dauert es noch einige Minuten, bis dann endlich der Tourmanager auf uns zu kommt und sagt: „Okay. Ihr könnt jetzt mit.“ Und dann geht alles so endlos schnell. So schnell, dass man es gar nicht richtig fassen kann, geschweige denn sich irgendwie darauf vorbereiten kann. Einmal rechts abbiegen, einen Flur entlang, einmal links und da stehen alle. Vor mir bauen sich wie eine Wand John Theodore und Josh Homme auf. Die einfach Beide RIESENgroß sind. Zwei Meter. Mindestens: „Hi. I’m Josh.“ Casually. Als wüsste ich das nicht. Alle stellen sich vor und ja, dann steht man da in diesem Raum. Mit Menschen, deren Musik einen durch die Jugend gebracht hat. Was sagt man da? Erstmal gar nix. Woraufhin Josh kurzer Hand das Wort ergreift: „You know. This is just the dressing room. Wanna have a drink? Then lets go to the fun room.“ Gesagt. Getan. Ruben und ich stiefeln wie zwei kleine Kinder hinterher, in diesem Land der Riesen. „Tequila?“ Naja, kann man wohl schlecht nein sagen. Auch wenn ich eher mit dem Whiskey im Hintergrund geliebäugelt hatte. Und dieser Raum ist wirklich so, wie man sich das Rockstar Cliché Leben so vorstellt. Ein Kühlschrank voller Bier, ein Tisch mit Schnaps, ein Tisch mit Schokolade, Obst und allem was das Herz so begehrt. Hier wird mal was aufgerissen, da mal was angetestet und der Tequila wird sehr aufmerksam und stetig nachgefüllt. Und jetzt? Wird mal kurz Backstreet Boys angestimmt. Bei Backstreets back, alright fallen alle mit ein. Schonmal ein ganz guter Icebreaker. Smalltalk geführt. Ruben und ich sind viel zu überfordert um irgendwie klare Aussagen machen zu können. Hinzu kommt, dass die Herren alle einen wirklich gar nicht so einfach zu verstehenden amerikanischen Akzent haben und sich nicht gerade drum bemühen, langsam und verständlich zu reden. Josh beschwert sich, dass er kaum geschlafen hat diese Nacht: „I don’t know if you’ve ever tried to sleep on a European bus. I can tell you. It doesn’t work.“ „But isn’t it Kind of worth it?“ „Oh yeah, of course it is. Most jobs suck big time, like thaaaaaaaat much. My job only sucks that little.“ Und die Spalte zwischen Zeigefinger und Daumen ist kaum sichtbar. Aber doch da. Außerdem wird berichtet, dass er sich gerade die Zähne geputzt hat und soeben festgestellt hat, dass Tequila nach dem Zähne putzen super ist. Er beugt sich runter und haucht mich an: „Smell that? You can still smell the toothpaste and don’t smell the tequila, right? I should have tequila every time I brush my teeth. This is amazing.“ Kurz werden meine Schuhe kommentiert: „Cool shoes.“ „Yeah, made them myself.“ „Oh really? I mean, they’re kinda weird. But then again. Weird’s kinda cool.“ „So, any song requests for tonight?“ Ich wünsche mir Song for the Deaf und nutze zeitgleich die Gelegenheit um ein kleines Musiker-Nerd-Gespräch anzufangen: Gibt es eine fixe Playlist oder wird die jeden Abend neu gemacht? Und wonach werden die Songs ausgesucht und sowieso und überhaupt. Wie funktoniert das alles? Wir setzen uns an den Tisch. John fuchtelt mit Schokolade vor meinem Gesicht rum und sagt: „Alpenmilch. Haselnuss. Bitteschon. Dankeschon.“ Übrigens ohne auffälligen Ami-Akzent. „I’m gonna draw you a picture. Hey, guy. Rip that paper off the wall. I wanna draw something. Doesn’t matter which one. Oh, that’s the wrong one. Well, nevermind. Das was er dann aufmalt, hätte man auch locker erklären können. Aber, nevermind. Eine Kurve, die oben anfängt, in der Mitte leicht nach unten geht, dann wieder nach oben. Ein verkapptes Lächeln: „That’s what you want your concerts to be like. And this all equals anxiety.“ Die verbleibende Zeit wird genutzt um über andere Bands abzulästern. Heutzutage spielen so viele Band live zu Tape. Zum Beispiel Muse, oder Linkin Park. „But they don’t have tape for the vocals and let’s be honest. That’s what they should have tape for.“ Ich werde kurz meiner Rolle des kleinen, naiven Mädchens gerecht und frage: „Why the hell do they do that?“ „To be perfect.“ „But why do you want to be perfect? That’s not what music is about!“ „I’m glad that you asked me that.“ Und dann erklärt er hoch philosophisch, dass unsere Erde ja auch nur durch einen zufälligen Zusammenstoß von Kometen entstanden ist und es uns gar nicht geben würde, wenn alles in perfekten Bahnen verlaufen würde. Oder so ähnlich.

Dann geht alles viel zu schnell. Plötzlich heißt es dann Aufwiedersehen. Ruben und ich wagen den mutigsten Schritt und drücken Josh Cds in die Hand. Mit uns drauf. Er guckt Troy an und sagt: „Can you throw that away now? Noooo, nooo. Just kidding.“ Das wiederholt er so circa 5 Mal. Trotzdem ist man sich nicht so sicher, welcher der beiden Sätze jetzt ernst gemeint ist.

„Ich bring euch durch die Halle zurück.“ Ruben und ich dürfen also noch kurz hinter der Bühne Luft schnuppern bevor wir dann vorne mitten im Publikum stehen. Mit unseren signierten Postern in der Hand und uns ungläubig anguckend…

 

Mission to Lars – Ein Filmreview

„Wanna meet Lars“. Das scheint Toms Lieblingssatz zu sein. Zumindest wenn man das an der Häufigkeit der Äußerung misst. Denn laut seiner Schwester hat er diesen Satz mindestens 10.000 Mal gesagt. Seit vielen, vielen Jahren. Jeden Tag aufs Neue. Das ist eben sein großer Traum. Einmal Lars treffen. Aber er meint damit nicht irgendeinen Lars, sondern Lars Ulrich, den Drummer von Metallica. Eine der größten Metallbands. Wenn nicht sogar die Größte. Dass diese „Mission“ sich nicht einfach gestalten wird, ist wohl von Anfang an abzusehen. Lars Ulrich trifft man nicht mal einfach so im Supermarkt nebenan. Und schon gar nicht in England, wo Tom wohnt.

Aber nicht das Offensichtliche, nämlich das Arrangieren von einem Treffen mit Lars, stellt die eigentliche Schwierigkeit dar. Sondern Tom selbst. Denn Tom hat „Fragile X“, fragiles X-Syndrom. Wie seine Schwester kurz zu Beginn des Films erklärt, ist dies eine Form von Autismus. Kate, so heißt Toms Schwester, erzählt sehr offen und ehrlich über ihre Beziehung zu Tom. Je älter sie wurden, desto mehr haben sie und ihr jüngerer Bruder Will sich von Tom entfernt. Tom lebt in einem Heim mit anderen Behinderten zusammen, während sie und Will ihr Leben in London verbringen. Den „Best sister in the world mug“ hat sie in ihren Augen nicht verdient. Will hat nichtmal einen Mug. Kate macht keinen Hehl aus dem schlechten Gewissen, dass sie ihrem Bruder gegenüber hat. Auf ihre Frage „Can I have a hug?“ antwortet Tom mit einem simplen „No“. Dieser Film beschönigt nicht. Verschweigt nicht die Verzweiflung und Anstrengung, die oft mit dem Umgang mit Behinderten verbunden ist.

Kate und Will, Journalistin und Filmemacher, haben die „Mission to Lars“ ins Leben gerufen. Sie wollen ihrem Bruder endlich den einen Herzenswunsch erfüllen und es ihm ermöglichen Lars Ulrich zu treffen.

Alles ist organisiert, die Flüge sind gebucht, die Gig-Tickets gekauft. Will und Kate haben sich bei Toms Eltern und seiner Stiefmutter informiert, was beim Umgang mit Tom zu beachten ist. Doch schon bevor die Reise losgehen kann, gibt es das erste Problem. Kate und Will kommen ein wenig zu spät. Tom ist verschwunden. Eine Angestellte telefoniert aufgeregt, aber keiner hat ihn gesehen. Sie erklärt, dass es für ihn essentiell wichtig ist, Routine zu haben. Wenn jemand sagt er ist um 12 Uhr da, muss derjenige auch mit dem Glockenschlag vor der Türe stehen. Kommt jemand zu spät, wird Tom unruhig und bekommt Panik. Deswegen ist er verschwunden. Als er schließlich gefunden wird, ist es äußerst schwer ihn zu überzeugen, den Trip nicht abzusagen. Kate bemerkt richtig: „Just getting Tom to meet Lars for 5 minutes would be a miracle.“. Stiefmutter Jane, Toms Bezugsperson, eilt zur Hilfe und kann ihn überzeugen und so machen sich die drei schließlich doch auf den Weg.

In Amerika warten direkt die nächsten Probleme. Alle sind müde vom Reisen, Tom spricht kaum ein Wort und Kate hat das Gefühl, dass sie ihr Hauptziel verfehlen: Tom die Zeit seines Lebens zu geben.

Kates Mühe um ein Treffen mit Lars trägt hingegen so langsam Früchte. Es wird viel telefoniert, weitergeleitet, in der Leitung gehalten und zurück gerufen. Doch schließlich sieht es so aus, als hätte man wirklich den richtigen Kontakt erwischt und die Möglichkeit eines Treffens scheint gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Doch Tom ist partout nicht bereit zum Konzert zu gehen. Und wieder ist Jane die Retterin in der Not, modernen Medien sei Dank. Bei einem Skype-Gespräch redet sie Tom gut zu und verspricht ihm, dass sie, sobald er wieder da ist und Lars getroffen hat, schick Essen gehen und er alles darüber erzählen darf. So einfach und doch so schwer.

Eine Fragile X Expertin gibt weitere Tips: Tom hört alles um ein Vielfaches lauter. Daher die einfache Empfehlung: Ear Plugs.

Schließlich der große Abend. Das Teffen mit Lars ist für 6.45 angesetzt. Backstage. Soundchecks, Krach, viele fremde Menschen und jeder weiß wohl: Rockstars sind NIE pünktlich. Man zittert förmlich mit. Mit jeder Minute summierter Wartezeit steigt die Angst, dass Tom sich vielleicht doch umdreht und zum wiederholten Mal sagt: „Wanna go home.“ Die Nerven liegen blank. Alles scheint auf der Kippe zu stehen. Doch dann öffnet sich die Tür. Und diesmal ist es kein Roadie, Tourmanager oder Security. Nein, es ist Lars. Und spätestens bei dieser Freude ist sowas von klar, dass sich die ganze Mühe, die Niederschläge, die Verzweiflung, das fast Aufgeben und doch Durchhalten gelohnt haben. Selbst Lars Ulrich, dem spätestens seit der Doku „Some Kind of Monster“ die Meisten eher Antipathie als Sympathie entgegen bringen, findet man plötzlich gar nicht mehr so schlimm. Bewundernswert ist definitiv, dass Tom immer ehrlich seine Meinung und seine Gefühle zum Ausdruck bringt. Denn als Lars ihm anbietet, zusammen mit Metallica auf die Bühne zu gehen ist seine erste und auch die nächsten Antworten erstmal: „No“. Auch nach einem Bier bleibt Tom bei seiner Meinung: „No“. Aber dann scheint sich ein Schalter umzulegen und so vergisst Tom seine Angst und geht tatsächlich zusammen mit Metallica Richtung Bühne und schaut sich das ganze Konzert an.

Dieser Film gibt nicht nur einen tiefen Einblick was es bedeutet einen behinderten Bruder zu haben. Welche Anstrengungen aber auch ehrliche Freuden damit verbunden sind. Dieser Film zeigt vor allem, was Musik alles bewegen, bedeuten und auslösen kann: „What’s interesting is that his love of music, his love of his hero overtakes his fears.“. Dem gibt es wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Casper – Hinterland

Die Erwartungen sind hoch nach dem märchengleichen Erfolg von XOXO. Der vorgeschaltete Album-Trailer hat wirklich nicht zu viel verraten, aber ohne Frage Spannung geweckt. Einen entscheidenden Punkt kann man allerdings schon erahnen. Statt dicken Beats stehen hier Klavier, Gitarre, Trompeten und Melodien auf dem Programm. Und das ist auf Caspers zweitem Album „Hinterland“ eindeutig eher die Regel als die Ausnahme. Auch wenn man sich so die Kollaborationen anschaut, Tom Smith alias Kopf der Editors und Kraftklub, weckt das alle möglichen Assoziationen, aber an HipHop denkt man bei diesen Künstlern eher weniger. In „Alles endet (aber nie die Musik)“ wird Turbostaat zitiert und das Slime Zitat, was man spätestens seit Kettcar kennt, begegnet einem schon in der vorab veröffentlichten Single „Im Ascheregen“. Auch an Reminiszenzen an die Britpop Urväter mangelt es nicht. Wer hat nicht selber schonmal angetrunken, schlafversunken mit den besten Menschen der Welt „Don’t look back in anger“ gesungen. Produziert wurde die Platte von Markus Ganter und Konstantin Gropper, den Meisten wohl eher als „Get well soon“ ein Begriff. Egal wo man hinschaut oder hinhört, ein Abstreiten der Verwandtschaft zu Indie, Rock, Pop und Co ist sinnlos. Aber das Schöne ist, dass Casper das auch gar nicht will. Dafür ist einfach zuviel Füllmaterial in Caspers Mixtape Herz. Bei Tracks wie „Nach der Demo ging’s bergab“ versucht er sich sogar am Singen. Das steht seiner unverkennbaren, kratzigen Stimme alles andere als schlecht. Auch wenn man da bei „The Voice of Germany“ und Co sicher anderer Meinung wäre, denn jeder Ton stimmt hier nicht. Aber genau das macht den Charme aus. Abgesehen von der Instrumentierung befindet sich mit „Jambalaya“ auch eine lupenreine Rap-Nummer auf dem Album. Die gleichnamige Single Hinterland erinnert mit Schellenkranz, Geklatsche und rhythmischen Trommelschlägen am Ehesten an eine Singer/Songwriter Nummer. Bei La Rue Morgue kann man dank Lalalala Chören und dem dominierenden Klavier den rumtrinkenden Seemännern fast vor dem geistigen Augen beim schunkeln auf ihren Schiffen zuschauen. Zu „Ganz schön okay“ kann man wunderbar in jedem Club wild tanzen und Haare werfen. „20 qm“ ist einer dieser Trennungssongs, den man an verregneten Sonntagen guten Gewissens in Dauerschleife hören kann und jede Zeile am Liebsten an die Zimmerwand schreiben würde. Zumindest wenn einem die Lyrics bekannt vorkommen.

Wer gut aufgepasst hat merkt, hier ist für Jeden was dabei. Für den HipHopper, den Indie-Rocker, die Feierlaune, die Tanzschuhe, das Vermissen und den Liebeskummer. Trotzdem zerfällt hier nichts in Teile: Song 1 mag nur der HipHopper, dafür ist Song 2 nur für die Rocker. Nein. Casper schafft es, die verschiedene Elemente so gut zu verbinden und zu vermischen, dass hier Allen Alles gefällt. Sollte Caspers größte Sorge also tatsächlich Mittelmaß sein, kann man ihn zumindest bezüglich dieser Platte beruhigen. Das ist kein Mittelmaß. Casper hat auf „Hinterland“ alles richtig gemacht und liefert so einen mehr als würdigen Nachfolger zu XOXO ab.